Chaos-Life

Hier läuft nichts rund…

Kurzgeschichte & Short Story

Vom Ausschnitt und Würstchen

Ich kann nicht aufwachen. Ich werde in einer Zeitschleife gefangen gehalten. Ich bin an meinen persönlichen Albtraum getackert und mit Sekundenkleber fixiert.

Die Fußball WM ist wieder da.

Meine Augen können der Reizüberflutung kaum noch standhalten. Ich bin eingepfercht zwischen schwarz-rot-goldenen Wimpeln, die schlapp an jedem Autofenster baumeln, gesteuert von Konsumidioten, die bergeweise Chips und Bier abschleppen. Und dann auch noch die total Verstrahlten. In jedem Vorgarten gackernd und lauernd, die versuchen den verstaubten Vuvuzelas neues Leben einzutröten.

Ich bin am Ende. Ich setzte mich mit meinen zwei Freunden, einer Flasche Rotwein und seinem Zwilling, auf meinen Balkon. Ich habe einen nicht gewollten und traumatisierenden Einblick in Frau Möller’s Ausschnitt, die zwei Etagen unter mir in Highheels auf ihrem Rasen rumeiert. Ich mach mal die erste Flasche auf. Ich genieße den Geschmack des wohltuend, preisgünstigen aber qualitativ, hochgelobten, preisgekrönten Fusels und glotze nochmal in den Ausschnitt. Dieser trägt Schnittchen, Kartoffelsalat, Kühlbox und geschätzte eine Million Papierservietten, die Einlagigen, in den Garten. Ich sehe Herrn Möller. Ernst Möller.

Ich verharre in meinem Weinkonsum, für ein paar Sekunden, da ich widerwillig fasziniert auf seine Wampe starren muss, und diese starrt zurück. Ich kann fachmännisch erahnen, dass sein mit Stolz präsentiertes rot-schwarz-goldenes T-Shirt seinem BMI Wert nicht gerecht wird. Ich bin ganz motiviert von diesem Anblick und schenke mir nach. Ich finde Ernst Möller zunehmend sympathischer. Ich erlöse die erste Flasche Wein ein wenig von ihrem Luftvakuum und triumphiere bei dem Schauspiel, wie er schnaufend, stöhnend und biertrinkend versucht den Super-Angebot, Super- Preisreduzierten, Super-Schnäppchen Grill zu installieren. Die mühsam, beinahe parallel aufgeschminkten gold-schwarz-roten Streifen auf seinen gut gepolsterten Wangenknochen müssen dem Schweiß weichen.

Ich kriege einen Schluckauf, eventuell vom Wein. Eventuell von der hautnahen Reality-Doku „Möller gegen Grill“ mit der Folge, „Wie man einen Grill befeuert“. Ich würde den Ernst jetzt mal gerne drücken. Ich grille ja nicht oft. Meist lasse ich mich einladen. Ich kann mich aber durchaus selber lobpreisen, zu wissen, dass es nicht allzu ratsam ist, die Kohle nicht in drei Litern Spiritus zu ertränken, und dann aus nächster Nähe zu entzünden. Ich rücke mit meinem Wein ein wenig von der Balkonbrüstung ab.

Ich warte, bis sich die erste Stichflamme erschöpft auf einen Meter zurückgezogen hat und gieße den Rest aus der ersten Weinflasche in mein Glas. Ich sehe, dass sich die schwarz-gold-roten Schminktropfen auf Ernsts Gesicht vaporisiert haben. Die Kohle glüht bilderbuchmäßig. Ich ziehe meinen Hut vor Frau Möller, wie sie mit ihren waghalsigen Absätzen, der Rasen ist unversehrt!!!, Tablett um Tablett rausjongliert. Ich kann mir sogar ganz gut vorstellen, dass das Eine oder Andere deliziös munden könnte. Ich bin ja jetzt schon ein bisschen hungrig. Ich habe einen leeren, verwaisten Kühlschrank. Ich sinniere darüber, ob es nicht so langsam mal an der Zeit wäre die Schutzfolie zu entfernen. Nach zwei Jahren. Vor was sollte er auch geschützt werden.

Ich bemerke wie Möllers erste Gäste auf den hämorrhoidenfreundlichen Bänken andocken. Ich kann jede rot-gold-schwarzes Käppi sehen, jedes Discounter T-Shirt, jedes wildgeschwenktes, zitterndes Fähnchen. Mir wird schlecht. Eventuell vom Wein. Nääähh, eher vom Hunger.

Ich bekomme eine erstklassige Ablenkung präsentiert. Ich bin wieder –voll- da und versuche an etwas wirklich Trauriges zudenken, nur damit ich nicht johlend rüberwinke, klatsche und meine besten Anfeuerungsschlachtplatittüden in einer (man glaubt es kaum) ominösen Lautstärke, zum Besten gebe. Ernst und seine Gefährten bezwingen jetzt den sauteuren, saugroßen Flachbildfernseher, mit einem saulangen Verlängerungskabel in den Garten. Ich höre, wie ein schlechter Ratschlag dem anderen folgt. Das schreit doch nach einem weiteren Glas Wein.

Ich bin ein Opfer akustischer und optischer Ergüsse. Ich verfolge, wie Weisheiten aus Home Shopping Kanälen und Do It Yourself Blättern an einem unwilligen und bockigen Schüler abprallen. Ich würde jetzt gerne meine originalverpackte Wasserwaage über die Brüstung werfen. Zu spät. Es ist vollbracht. Mit wenig Bodenkontakt, gewagt nahe am Grill, der Bildschirm korrekt in die letzten Sonnenstrahlen ausgerichtet, und die Glotze läuft.

Ich stelle traurig fest, dass mein Weinvorrat sich langsam dem Ende neigt. Ich aale mich in den ohrenbetäubenden Klängen der Werbehymnen, welche den Anstoß von Deutschland gegen Auenland in nur noch wenigen Stunden ankündigt, und das Ganze ist gemixt mit einem quälend, köstlichem Duft von zärtlich, schwarzgebräunten Würstchen. Ich kippe frustriert den letzten Rest vom Schützenfest in mein Glas und lehne mich übermütig und risikofreudig über die Balkonbrüstung. Ich habe somit unbeabsichtigterweise Ernst Möllers Büchse der Pandora geöffnet. Ich persönlich habe den Startschuss zum Inferno abgefeuert.Ich ziehe vierzigtausend Augenpaare auf mich. Die gold-schwarz-roten Fähnchen werden geschwenkt, bis sie vom Stängel abfallen. Frau Möller zupft ihren Ausschnitt in Position.

Ich sehe, wie sich Ernsts Lippen bewegen. Ich höre, doch kann es kaum begreifen: „Frau Nachbarin, wusste ich doch, dass ich sie gesehen habe. So ganz allein??!! Allein, das Sportereignis des Jahrtausends anschauen??? Nein, nein, sie kommen jetzt mal schön zu uns herunter. Nur keine falsche Bescheidenheit!!! Bewegen sie ihren knackigen Hintern zu uns, hahaha. Hier herrscht der Spaß, hier herrscht das Leben, hahaha!!!!“

Ich taumel. Eventuell vom Wein. Eventuell, weil mein Alptraum eine neue Dimension erreicht hat.Ich kann mich erinnern. Im Nebel. Ich bin an meiner Wohnungstür. Ich gehe raus. Ich bin im Garten von Ausschnitt und Ernst. Ich stürze mich auf die extrem krossen und krebsbefürwortenden Würstchen (sind das Würstchen?). Ich nehme euphorisch ein Bier in jede Hand. Ich habe eine Käppi auf dem Kopf. Ich schwenke kichernd eine Deutschland Fahne.

Ich lache laut, gröhle lauter und flirte mit Ludwig. Ich singe schief, pfeife schiefer und flirte mit Gerd. Ich esse noch ein paar von was auch immer, ich trinke köstliches Bier, ich kotze. Ich weiß nicht, wie spät es ist, was für ein Tag, ob wir gewonnen haben, wie ich wieder in meine Wohnung gekommen bin. Ich weiß nicht, wie ich in meinem Bett gestrandet bin, ich weiß nicht, wer mich liebevoll mit zwei Decken eingeschlagen hat, sodass mir jetzt der Schweiß ausbricht.

Ich weiß nicht, warum ein Eimer neben meinem Bett steht. Ach so, doch jetzt fällt es mir ein. –Einen Moment bitte-. Ich weiß nicht, warum mein Gesicht inklusive Kopfkissen mit orange-brauner Schminke versaut ist. Und zum Henker – der Eimer war eine vortreffliche Idee – wer ist Ludwig? Wer ist Gerd? Dessen Telefonnummern auf zwei Zettelchen, sorgfältig, akkurat-schief mit einem Kilo Panzerband an meinem Käppi kleben.

Ich sag noch einmal dem Eimer Hallo und stelle fest, dass sich Ludwig und Gerd auch in meinem Handy unter „Kontakten“ verewigt haben. Ich gucke noch mal tief in den Eimer, schau auf die schwarz-rot goldene Fahne in meiner Hand und ich muss lächeln.